Es gibt diesen einen Moment auf jeder Gassirunde, in dem meine Welt kurz stillsteht. Man biegt um die Ecke, der Gehsteig ist schmal, und da kommt er: ein anderer Mensch mit einem anderen Hund an einer anderen Leine. Zwischen uns liegen vielleicht 10 Meter, und in diesen 10 Metern passiert mehr, als man von außen ahnen würde.
Bjarki hat den anderen natürlich längst gesehen, bevor ich überhaupt bemerke, dass da jemand ist. Er hebt den Kopf, seine Ohren wandern ein Stück nach vorne, und ich spüre über die Leine, wie sich in ihm eine Frage formt: Wer bist du, und darf ich? Gleichzeitig mustert mich mein Gegenüber, und ich mustere zurück, und wir beide versuchen in Sekundenbruchteilen herauszufinden, ob wir es hier mit Gleichgesinnten zu tun haben oder mit jemandem, der gleich „Der tut nix!“ ruft, während sein Hund bereits Anlauf nimmt.
In fast 10 Jahren mit Bjarki habe ich unzählige solcher Begegnungen erlebt, auf der Ottakringer Gassirunde ums Eck genauso wie im Wald oder am Donaukanal. Manche waren wunderbar, manche waren peinlich, und ein paar wenige waren so, dass ich danach erst einmal tief durchatmen musste. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass es meistens gar nicht an den Hunden liegt, ob so ein Treffen gut ausgeht. Es liegt an uns, am anderen Ende der Leine.
Eine Hundebegegnung an der Leine ist im Grunde ein diplomatisches Gipfeltreffen, nur ohne Dolmetscher, ohne Protokoll und meistens auf einem Gehsteig, der exakt so breit ist wie ein Kinderwagen. Zwei Staatsoberhäupter auf vier Pfoten, zwei nervöse Delegationsleiterinnen mit Kotbeuteln in der Jackentasche, und alle hoffen, dass niemand einen internationalen Zwischenfall auslöst. Ich habe auf diesen Gipfeln schon so ziemlich alles erlebt, vom formvollendeten Schnupper-Handschlag bis zum diplomatischen Totalabbruch, und ich war dabei nicht immer die souveränere Seite.
Lieber nicht: frontal aufeinander zu
Wir Menschen gehen geradeaus. Das liegt in unserer Natur, wir wollen schließlich irgendwo hin, und der kürzeste Weg dorthin ist nun einmal eine Gerade. Für Hunde ist genau diese Gerade aber eine ziemlich unhöfliche Angelegenheit. Zwei Hunde, die sich frontal und mit festem Blick annähern, sagen einander in Hundesprache ungefähr das, was zwei Menschen sagen würden, die sich im Supermarktgang mit verschränkten Armen den Weg versperren.
Lieber so: ein kleiner Bogen
Hunde, die sich freundlich begegnen, laufen einen Bogen. Sie schnuppern ein wenig am Wegrand, schauen kurz weg, drehen den Kopf zur Seite und kommen sich erst dann näher. Wenn ich mit Bjarki einen Bogen gehe, die Straßenseite wechsle oder ihn auf meine andere Seite nehme, sodass ich zwischen ihm und dem anderen Hund gehe, nehme ich ganz viel Druck aus der Situation. Das kostet mich ein paar Schritte und erspart uns allen meistens eine Menge Aufregung.

Lieber nicht: „Der tut nix!“
Dieser Satz hat es zu trauriger Berühmtheit gebracht, und das zu Recht. Er wird meistens im Laufen gerufen, von einem Menschen, der deutlich weiter hinten ist als sein Hund. Dabei geht es gar nicht darum, ob der eigene Hund etwas tut. Vielleicht ist der andere Hund krank, alt, ängstlich, gerade frisch operiert oder einfach nicht in der Stimmung. Vielleicht ist es eine Hündin, die läufig ist, oder ein Hund, der gerade mühsam lernt, an anderen Hunden ruhig vorbeizugehen. Ein Hund an der Leine hat sich das in der Regel nicht ausgesucht, und er kann auch nicht ausweichen.

Lieber so: erst fragen, dann schnüffeln
Ein kurzes „Dürfen die zwei Hallo sagen?“ kostet nichts und ist die freundlichste Frage, die man auf einer Gassirunde stellen kann. Ich habe in all den Jahren erstaunlich oft ein dankbares Lächeln geerntet, und manchmal auch ein ehrliches „Heute lieber nicht“. Beides ist völlig in Ordnung. Wer eine gelbe Schleife oder ein gelbes Tuch an Leine oder Geschirr sieht, kann sich die Frage übrigens sparen: Das bedeutet so viel wie „Bitte Abstand halten“.

Lieber nicht: Kontakt an der straffen Leine
Wenn sich zwei Hunde an kurzer, gespannter Leine beschnuppern, sieht das von außen harmlos aus. Für die Hunde ist es das oft nicht. Sie können nicht ausweichen, nicht im Bogen laufen, nicht weggehen, wenn ihnen etwas zu viel wird, und die Leinen verheddern sich schneller, als man „Aus!“ sagen kann. Dazu kommt, dass jede Spannung auf der Leine über das Halsband direkt beim Hund ankommt. Als Bjarki noch jung war und stark gezogen hat, habe ich genau das gespürt: Je fester ich die Leine hielt, desto aufgeregter wurde er.
Lieber so: lockere Leine, kurze Begrüßung
Wenn beide Seiten einverstanden sind, lasse ich die Leine so locker wie möglich hängen und zähle innerlich langsam bis drei. Drei Sekunden Schnuppern reichen den meisten Hunden für ein ordentliches Hallo, danach rufe ich Bjarki freundlich weiter, bevor aus dem Hallo etwas anderes wird. Klingt unromantisch, funktioniert aber erstaunlich gut.

Lieber nicht: Tratschen mit verknoteten Leinen
Es gibt Begegnungen, die so nett sind, dass die Menschen stehen bleiben und zu plaudern beginnen. Das ist schön für die Menschen. Für die Hunde beginnt in diesem Moment ein Tanz um den Maibaum, an dessen Ende beide Leinen 3-mal umeinander gewickelt sind, ein Hund in der Leine des anderen sitzt und niemand mehr genau weiß, wessen Karabiner da eigentlich an wessen Halsband hängt. Ich habe einmal mit einer sehr reizenden Dame mit Pudel über die Bauarbeiten in der Thaliastraße gesprochen, und als wir uns verabschieden wollten, mussten wir uns erst mühsam voneinander entknoten, während der Pudel und Bjarki uns mit diesem Blick ansahen, den Hunde für Menschen reservieren, die es wirklich nicht anders verdient haben.
Lieber so: im Gehen plaudern
Wer sich gern unterhalten möchte, geht am besten ein Stück gemeinsam, mit den Hunden jeweils auf der äußeren Seite. Dann können die zwei nebeneinander schnüffeln, keiner fühlt sich bedrängt, und die Leinen bleiben dort, wo sie hingehören. Die Bauarbeiten in der Thaliastraße lassen sich nämlich auch im Gehen hervorragend beklagen.
Lieber nicht: freilaufend auf angeleint
Die wohl unangenehmste Variante der Begegnung ist die, bei der nur einer an der Leine ist. Irgendwo in weiter Ferne gestikuliert ein Mensch wild mit den Armen, während sein Hund in vollem Galopp auf uns zukommt, und ich stehe da mit Bjarki an der Leine, der weder ausweichen noch weglaufen noch angemessen antworten kann. Das ist ungefähr so, als würde einem jemand im Wartezimmer auf den Schoß springen, das brechend voll ist.

Lieber so: anleinen, wenn der andere angeleint ist
Die einfachste Regel von allen: Wenn uns jemand mit angeleintem Hund entgegenkommt, rufe ich Bjarki zu mir und leine ihn ebenfalls an. Der andere Hund ist ja meistens aus einem guten Grund an der Leine, und selbst wenn nicht, weiß ich das ja nicht. Das kostet mich 10 Sekunden und erspart allen Beteiligten eine Menge Herzklopfen.
Lieber so: ausweichen, wo es eng wird
Auf schmalen Gehsteigen, zwischen parkenden Autos oder im Stiegenhaus bleibt oft gar kein Platz für einen Bogen. Dann weiche ich in eine Hauseinfahrt oder eine Parklücke aus, nehme Bjarki auf meine abgewandte Seite und lasse den anderen vorbeigehen. Wenn er dabei ruhig sitzen bleibt, gibt es ein Leckerli, und zwar genau in dem Moment, in dem der andere Hund an uns vorbeigeht. So lernt er mit der Zeit, dass vorbeigehende Hunde eigentlich eine ziemlich gute Nachricht sind.

Lieber nicht: „Der ist doch noch ein Welpe!“
Welpen haben in der Hundewelt eine Art Welpenschutz, das stimmt aber nur bedingt und vor allem nur unter Hunden, die sich kennen. Ein fremder erwachsener Hund muss einen ungestümen Welpen, der ihm ins Gesicht springt, nicht automatisch süß finden, auch wenn wir Menschen das tun. Auch hier gilt: erst fragen, dann schnüffeln.
Lieber nicht: nur auf den eigenen Hund schauen
Viele von uns achten bei einer Begegnung nur darauf, was der eigene Hund macht. Dabei erzählt uns der andere Hund oft schon von Weitem, wie es ihm geht. Ein Hund, der gähnt, sich über die Lippen leckt, den Kopf wegdreht, erstarrt oder plötzlich am Boden schnüffelt, sagt häufig sehr höflich: Mir ist das gerade zu viel.
Lieber so: beide Hunde lesen
Wer diese kleinen Signale kennt, kann Begegnungen viel entspannter steuern, lange bevor es laut wird. Und wer merkt, dass der eigene Hund sie zeigt, darf ganz ohne schlechtes Gewissen umdrehen. Eine Begegnung, die nicht stattfindet, ist manchmal die beste von allen.

Unser Tipp: Nimm die Leine bei einer Begegnung lieber ein Stück kürzer, bevor ihr auf gleicher Höhe seid, und lass sie dann locker durchhängen. Eine verstellbare Leine ist dafür ideal, weil du sie mit einem Handgriff von lang auf kurz umstellen kannst, ohne dass du sie dir um die Hand wickeln musst. So bleibt die Leine locker, deine Hand bleibt ruhig, und dein Hund spürt, dass alles in Ordnung ist.

Am anderen Ende der Leine
Wenn ich heute mit Bjarki unterwegs bin und uns jemand entgegenkommt, ist mein erster Gedanke nicht mehr, ob der andere Hund nett ist. Mein erster Gedanke ist: Wie können wir das für beide Hunde ein bisschen leichter machen? Meistens reicht dafür ein kleiner Bogen, eine kurze Frage und eine Leine, die nicht wie ein Seil beim Tauziehen gespannt ist.
Und manchmal, wenn alles passt, wird aus so einer Begegnung etwas richtig Schönes. Dann stehen zwei Hunde mit wedelnden Ruten auf dem Gehsteig, zwei Menschen lächeln sich an, und irgendwer sagt den Satz, der unter Hundemenschen so etwas wie ein Geheimcode ist: „Wie alt ist er denn?“
Wie ist das bei euch: Seid ihr Team Bogen oder Team Hallo-sagen? Und welcher Satz bei Hundebegegnungen bringt euch jedes Mal auf die Palme? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt auf eure Geschichten.
Passend dazu
- Verstellbare Lederleine: von lang auf kurz in einem Handgriff, damit du bei Begegnungen ruhig bleiben kannst.
- Leder- oder Tauhalsband mit Zugstopp: liegt locker an und zieht sich nur bis zu einem festen Punkt zusammen.
- E-Book „Stressfrei alleinebleiben“: für alle, deren Hund auch zuhause noch an seiner Gelassenheit arbeitet.






















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